Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Österreich: primär- und sekundärpräventive Implikationen

1975 - waren bei einer Bevölkerungszahl von 7.599.038 - 96.041 Todesfälle zu verzeichnen. Im Jahr 2002 (Bevölkerungszahl 8.053.106) waren es nur mehr 76.131. Die Lebenserwartung stieg in diesem Zeitraum bei Männern von 67,66 auf 75,78 und bei Frauen von 74,7 auf 81,68 Jahre. Stellt man dem die auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführenden Todesfälle gegenüber, so ergibt sich folgendes Bild: 1975 starben 47.931 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 2002 36.906. Absolut gesehen ist dies zwar ein erfreulicher Rückgang, relativ aber bleibt der Anteil an Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwa gleich: So machten die Todesfälle an Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Jahr 1975 49,9% der Gesamtmortalität aus, 2002 48,5%.

Schwierige Erfassung

Diese Mortalitätsdaten geben einen Größenordnungs-Eindruck, können aber die volle Bedeutung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in unserer Gesellschaft nicht widerspiegeln. Dafür wären Morbiditäts-, Inzidenz- und Prävalenz-Daten nötig, deren Erfassung aber so schwierig und kostenintensiv wäre, dass sie bis dato nicht möglich war. Möchte man also das Problem Herz-Kreislauf-Erkrankungen in seinem vollen Umfang erfassen und einschätzen, ist man zur Zeit noch auf Annäherungen und Extrapolierungen angewiesen.

Eine Möglichkeit der Annäherung bietet die Statistik über die stationär behandelten Patienten:
Betrachtet man die Spitalsentlassungsfälle von 1992 bis 2000 bezogen auf 100.000 Einwohner, so zeigt sich eine kontinuierliche Zunahme der Fälle mit der Entlassungsdiagnose „ischämische Herzkrankheiten“ von 784,6 im Jahre 1992 auf 908 im Jahre 2000. Dies entspricht einer Zunahme um 15,9 %. Greift man hier nun die Entlassungsdiagnose „Akuter Myokardinfarkt“ heraus, so zeigt sich im Jahre 1994 eine Gesamtzahl von 11.691 Patienten, 2001 eine Gesamtzahl von 12.879 Patienten, was einer Steigerung von 10,2 % entspricht (bei einer Bevölkerungszuwachsrate von nur 1,2 % im gleichen Zeitraum!). Schlüsselt man diese Patienten altersmäßig auf, so zeigt sich die größte prozentuelle Zuwachsrate, nämlich +21,3 % in der jungen Altersgruppe der 15–44-Jährigen.

Zur Einschätzung der Erkrankungshäufigkeit im ambulanten Bereich fehlen harte Daten vollkommen. Es gibt in Österreich keine entsprechende Routinestatistik. Um hier eine Einschätzung treffen zu können, ist man derzeit noch ausschließlich auf Befragungen beschränkt. Im Mikrozensus 1999 gaben 2,4 Promille der Bevölkerung an, im Vorjahr einen Herzinfarkt durchgemacht zu haben, entsprechend immerhin 19.144 Personen.

Bedeutung atherogener Risikofaktoren

Die nach wie vor vorrangige Bedeutung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen muss in Konnex mit den atherogenen Risikofaktoren gesehen werden. Aus der aktuellen Entwicklung der atherogenen Hauptrisikofaktoren lässt sich die Befürchtung ableiten, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zukunft möglicherweise noch größere Bedeutung erlangen werden:

Übergewicht

Von Juni 2002 bis März 2003 wurden an Wiener Schulen erstmals methodisch Daten zur juvenilen Adipositas erhoben, womit nun valide Prävalenzdaten vorliegen. Sie besagen, dass 17–24 % aller Kinder übergewichtig sind. Im Mikrozensus 1999 wurden 12,6 % der Bevölkerung als übergewichtig (BMI von 27–30), 9,1 % als stark übergewichtig (BMI>30) ermittelt.

Rauchen

Der Anteil der Raucher nimmt in Österreich noch immer kontinuierlich zu, die Gesamtprävalenz liegt zurzeit bei 37,1 % (1997 lag sie bei 29,4 %, 1999 bei 36,3 %), wobei vor allem in den niedrigeren Altersgruppen (15–44-Jährige) ein zunehmender prozentueller Anteil an Rauchern zu finden ist (1997 lag er bei rund 30 %, 1999 über 40 %).

Diabetes

An Diabetes chronisch erkrankt zu sein gaben 8,8 Promille an, entsprechend 70.332 Personen, ebenfalls mit exponentiell steigender Häufigkeit ab dem 45. Lebensjahr.

Hypertonie

An einer Hypertonie zu leiden gaben im Mikrozensus 1999 21 Promille der Bevölkerung (167.839 Personen) an, wobei die Häufigkeit ab dem 45. Lebensjahr exponentiell steigt. Geht man aber von den von der österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie abgegebenen Statements aus, so liegt die Dunkelziffer der nicht diagnostizierten Hypertoniker weit höher.

Cholesterin

Obwohl einer der Haupt-Risikofaktoren und umfangreichst beforscht, gibt es keine aktuellen epidemiologischen Cholesterindaten für Österreich. Die Hyperlipidämie wurde in Österreich flächendeckend weder erhoben noch erfragt, sie kommt z.B. im Mikrozensus 1999 nicht vor. Am Institut für Sozialmedizin laufen derzeit entsprechende Recherchen, die aber noch nicht abgeschlossen sind. Greift man auf ältere Daten zurück, liegt der mittlere Cholesterinspiegel der österreichischen erwachsenen Bevölkerung bei etwa 225 mg/dl. Davon liegen etwa 25 % unter 200 mg/dl, 50 % zwischen 200 und 250 mg/dl und 25 % über 250 mg/dl.

Sport

59,9 % der Bevölkerung gaben an, in der Freizeit keiner körperlichen Betätigung nachzugehen, wobei besonders hervorsticht, dass der Prozentsatz bereits in den niedrigen Altersgruppen sehr hoch ist: So geben bereits 53% der 15–24-Jährigen an, sich in der Freizeit nicht körperlich zu betätigen.

Psyche

Stress-Belastung („starker Zeitdruck“) gaben 41,3% der erwerbstätigen Bevölkerung an. Eine mehr oder weniger ausgeprägte psychische Belastung („Bekümmert-, Niedergeschlagen-, Besorgt-Sein“) gaben immerhin knapp 70% der Bevölkerung an!

Resümee

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass einer rückläufigen Mortalität an Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine zunehmende Morbidität gegenübersteht, vor allem auch in jüngeren Altersgruppen. Darüber hinaus ist eine zunehmende Risikosituation für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen v. a. in den jüngeren Bevölkerungsgruppen zu registrieren. Aus diesen Daten und Beobachtungen sollten folgende Konsequenzen gezogen werden:

Primärpräventive Kampagnen und gezielte Interventionen zur Reduktion der Risikolast der österreichischen Bevölkerung müssen, insbesondere schon in sehr jungen Jahren, forciert werden. Gegenläufigen Tendenzen, etwa der Reduktion der Turnunterrichtsstunden an österreichischen Schulen, muss mit Nachdruck gegengesteuert werden. In der Sekundärprävention müssen ambulante Rehabilitations-Institutionen bedarfsgerecht installiert werden. Wie in einer Bedarfsanalyse erhoben wurde, steht zur Zeit einem Bedarf von 20.589 ambulanten Rehabplätzen ein Angebot für max. 2.500 Patienten zur Verfügung. Hier herrscht Handlungsbedarf! Angesichts der zunehmenden Risikosituation in jüngeren Jahren, ist die Gruppe der Patienten mit atherogenem Risikobündel als besonders wichtige Interventions-Zielgruppe zu sehen: Hier sollten Strukturen geschaffen werden, wo diese Patienten forciert in gezielte, der kardiologischen Rehabilitation ähnliche, umfassende Programme eingeschleust werden.

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Letztes Update:19 April, 2004 - 00:00